Unsere perfekte Gesellschaft ist eine gelogene Gesellschaft

Werbung. Ja, dass Werbung lügt, ist wohl kaum bestreitbar. Natürlich werden die Werber sagen, wir laden emotional auf, wir stellen die Vorzüge dar, aber letztlich lügt die Werbung, um uns Dinge zu verkaufen, die wir eigentlich nicht brauchen.

Unsere Schulen bilden unsere Kinder aus, so sagen sie, aber es ist wirklich nur Ausbildung, die uns vorlügt, den ganzen Menschen zu formen.

Im Berufsleben sollen wir optimal, makellos, fehlerfrei zum Wohle der Firma tätig sein. Und es gibt nichts negatives, alles ist eitel Sonnenschein, jedweder Change muss bejubelt werden, jede Personalabbaumaßnahme ist nur zum Besten von allen.

Es kriechen Politikerversuche aus ihren Löchern, die von Lügenpresse schwafeln, dabei selbst aber die größten Lügen verbreiten, die leider von entsetzlich vielen Menschen geglaubt werden. Vielleicht, weil sie die Wahrheit einfach nicht ertragen.

Eigentlich aber gibt es nur eine Sache, die der Wahrheit entspricht. Wir leben in einer vollständig ökonomisierten Gesellschaft von Angestellten, die so klug als möglich für nichts arbeiten und von Kunden, die so dumm als möglich mit Unmengen an Geld jeden Müll kaufen.

Manchmal habe ich den Verdacht, der Hype an Startups dient lediglich dazu, auf möglichst billige Art an innovative Ideen zu kommen, die wenn ausgereift, dann einfach übernommen, zerlegt und der Rest abgewickelt wird.

Vielleicht liegt es daran, dass Wahrheit oft Zeit braucht. Recherche, Nachdenken, Widersprüche ertragen oder auflösen. Aber das hieße ja auch nachdenken, und wer will das heutzutage noch. Und vielleicht liegt es auch daran, dass wir alle ein Stück weit zu feige geworden sind, Wahrheiten ins Gesicht zu sehen und Wunden offenzulegen, wenn es mal im Privaten oder im Beruf Dinge anzusprechen gibt. Nein, da erzählt man sich gegenseitig viel lieber wie toll doch alles ist und leidet insgeheim unter unsäglichen Defiziten, bis man daran erkrankt. Oder vielleicht sogar ums Leben kommt.

Ihr denkt, ich übertreibe? Hatte ich nicht gerade meinen ersten Geburtstag???

Ein Jahr älter heißt ein Jahr alt

karte

Danke Konny, für diese absolut tolle Karte ;)

Ich hatte Gestern Geburtstag. Ja, Gestern. Ich sehe schon meine Freunde (hab ich eigentlich welche?) und meine Bekannten zu ihren digitalen oder analogen Zeitdokumentiereinheiten aka Kalendern rennen, nachsehen und protestieren, ne du, Moment, du hast da was nicht ganz richtig (aha, er spinnt wieder).

Doch ihr Lieben: Der 5. Februar wird fürderhin mein zweiter Geburtstagstag sein. Denn an dem Tag hab ich 2015 versucht, mir das Leben zu nehmen. Hörbares Atmen, große Augen. Ja, ich wollte Suizid begehen, ich trau mich das zu sagen, auch wenn es wohl in unserer Gesellschaft fast noch ein größeres Stigma und zu verschweigendes Thema ist als die Depression, die mir grade Gott sei Dank mal nicht auf dem Schoß sitzt oder die Nerven geht.

Nein, ich bin da überhaupt nicht stolz drauf und ja, ich weiß heute, warum es passiert ist. Meine Angststörung und Depression ist da eindeutig Hauptschuldiger. Aber auch unglückliche, sehr unglückliche Gespräche haben mich damals über die Klippe geschubst. Na ja, eher getreten. Oder eigentlich katapultiert.

strauss

Der Strauß war weder für meine Depression, noch für mich. Den hat sich so eindeutig meine Lebensretterin und tollste Ehefrau von allen Sibylle verdient.

Die 26 Wochen danach in verschiedenen Klapsen (ja, ich verwende solche Begriffe, schon deshalb, weil es für mich das ganze weniger klinisch ernst macht) haben mir einiges an Erkenntnissen und vor allem ein paar tolle, neue Menschen gebracht. So gesehen. Ja, ich habe Freunde. Und im positiven Sinne ganz schön irre Freunde noch dazu.

Ich habe gelernt, wo die echt wertvollen Menschen sind, oft in Therapie, weil sie mit dem Irrsinn, der sich Realität nennt, nicht mehr zurecht kommen. Und ich habe gelernt, dass man öfter gute Miene zum bescheuerten Spiel macht, als es einem gut tut. Meine Depression kenne ich jetzt persönlich und ich kann nur sagen, was für ein Arschloch.

Aber immerhin habe ich mein Leben wieder ein wenig mehr im Griff und kann ehrlich und offen erzählen, was mich wirklich bewegt, wer ich wirklich bin. Das alles verschweigen hat mich ja letztlich krank gemacht.  Und übrigens, ja, ich habe eine Depression, aber ich bin nicht depressiv. Meine Krankheit ist ein Teil von mir, aber ich bin  nicht sie.
Und ja, ich kann arbeiten, lieben, Sex haben (schwupps, 2/3 meiner Leser sind rot geworden), scheiße drauf sein, mich über was freuen, bloggen, Buch schreiben. Die Depression sitzt dabei und geht mir manchmal ganz schön auf den Sack. Aber die meiste Zeit haben meine lieben Tabletten und ich sie ganz gut im Griff.

Insofern. Happy birthday neues Leben, auf das mein zweiter Geburtstag mindestens im zwanziger Bereich landen werde.

 

Heute ist die Depression auf nen Kaffee da

Das Wetter. Sicher ist es das Wetter. Sonne, dann Regen, dann Schnee, wobei, Sonne kann man eigentlich auch weglassen, also bleiben wir bei Regen und Schnee. Und dann natürlich auch wieder ein paar von diesen querschlagenden Gedanken, die einem die Stimmung mies machen wollen.

Heute Morgen hatte ich meine Depression ja eigentlich einkaufen geschickt und mich dann still und heimlich Richtung Büro verkrümelt. Aber irgendwie muss das Miststück das mitbekommen haben. Kaum hatte ich mir den ersten Kaffee geholt, schwupps, saß sie auf meinem Schreibtischstuhl, fuhr damit Karussell und verschob alle Buchstaben aufm Bildschirm.

„Muss das sein, hatten wir uns nicht heute Morgen auf nen Nichtangriffspakt geeinigt?“ Ich blickte meine Depression genervt an. Die flötete aber nur: „Du hast nix vom Büro gesagt. Und hier isses schön warm und ich kann dir so einfach Stress machen.“

„Na danke schön, war ja klar. Du bist echt so ein Ekel manchmal.“

„Und du ganz schön nachtragend. Dabei lass ich dich doch die meiste Zeit in Ruhe.“

Klar, tut sie, am häufigsten, wenn ich schlafe.

„Hör mal, wenigstens hier kannst du dich mal zurückhalten. War gerade am mich konzentrieren.“

„Du, konzentrieren.“ Meine Depression kichert sich eins. „Hast du mich da um Erlaubnis gefragt?“

„Nu is aber mal gut. Hast du um Erlaubnis gefragt, hier aufzutauchen?“

Jetzt schmollt meine Depression. Ich weiß, sie ist nachtragend und ihr ist klar, dass sie im Büro nix verloren hat.

„Also sieh zu, dass du Land gewinnst. Sonst setz ich mir eine von meinen Masken auf, und du weißt, was dann passiert.“

Ha, jetzt hab ich sie.

„Schon gut, ich verzieh mich ja, aber dafür darf ich heute Abend raus.“

„Deal.“ Wenigstens in Ruhe arbeiten will ich dürfen. „Also los, verpiss dich, und tauch mir hier nicht mehr auf, ist das klar?“

„In Ordnung.“ Meine Depression verwuschelt noch mal alles auf dem Schreibtisch, dann isse weg.

Aber ich weiß eins:

Heute Abend. Ohne Maske. Da wird sie an der Haustür mit der dicken Stimmungskeule warten und dann is für mich erst mal wieder Schicht im Schacht. Bis zum Schlafen. Da isses ihr dann meist zu langweilig und sie ruft ihre Kumpels „schlechter Traum“ und seinen bösen Zwilling „Albtraum“.

Na dann. Gute Nacht.

Die heimliche Depression

Eine der großen Ängste wenn es um die Diagnose Depression geht, ist der mögliche Jobverlust. Um hier nichts zu riskieren, vertuschen viele ihre Erkrankung.

Gerade im Staatsdienst, wo eine Verbeamtung mit einer ausgiebigen medizinischen Prüfung einhergeht, tendiert man als Betroffener dazu, die Depression zu verheimlichen. Aber auch als Angestellter haben viele noch Angst, offen mit dem Thema umzugehen. Studenten, die auf eine spätere Verbeamtung hoffen, werden sich zwei Mal überlegen, ob sie eine Therapie beginnen oder wenn schon begonnen, darüber sprechen.

Ein Gutteil mit schuld daran sind Personaler und Amtsärzte, die wegen einer begonnenen Therapie oder einer Diagnose gleich den Teufel an die Wand malen. Dabei ist allgemein bekannt, dass sich mittlerweile auch psychische Krankheiten sehr gut behandeln und in den Griff kriegen lassen. Man schneidet sich hier ins eigene Fleisch, wenn man Ängste bei Berufsanfängern schürt. Zumal ein schließen aus der Vergangenheit auf die Zukunft  schlicht nicht valide ist.

Außerdem handelt ein angehender Mitarbeiter ausgesprochen verantwortungsbewußt, wenn er sich bei einer erkannten psychischen Erkrankung in Behandlung begibt. Er will damit das Risiko minimieren. Sofern er nicht mehr Sorge davor hat, dass man ihn gleich als nicht leistungsfähig abstempelt. Ja, es gibt spezielle Krankheitsbilder, die ein normales Arbeitsleben schwer machen. Aber die gibt es auch bei anderen Erkrankungen. Pauschalisierungen helfen hier nicht, sondern nur die Einzelfallbetrachtung. Das funktioniert aber nur dann, wenn offen und vernünftig damit umgegangen wird.

Eine psychische Erkrankung ist nicht immer gleichbedeutend mit nicht mehr leistungsfähig. Aber sie sollte anerkannt und die Behandlung nicht zum Stigma werden. Wer erkrankt ist, sollte sich deshalb darüber informieren, wie der aktuelle oder potentielle Arbeitgeber mit dem Thema umgeht und es davon abhängig machen, ob er offen über die Krankheit spricht.

Woran erkennt man Menschen mit Depressionen?

Kurz gesagt, an gar nichts. Ein wichtiges Talent haben wohl alle depressiven Menschen. Wir sind brillant im Aufsetzen von Masken. Du kannst einem von Depressionen Geplagten in der U-Bahn begegnen, im Supermarkt, im Büro. Du wirst es nicht erkennen. Und wenn wir nicht gerade in einer ganz schlimmen Phase stecken, können wir auch noch ohne Probleme die erwarteten Leistungen bringen. So sieht es zumindest aus, während manch einer innerlich am Boden liegt.

Meist fallen erst zu Hause die Masken. Manchmal nicht mal dort. Dann fallen die Masken erst, wenn der Betreffende fällt, wenn gar nichts mehr geht.

Auf Rücksicht oder Verständnis hoffen die wenigsten, kann sich ein Außenstehender doch gar nicht vorstellen, wie dunkel, wie hoffnungslos, wie bedrohlich sich alles anfühlt. Man würde alles dafür geben, glücklich, fröhlich oder einfach nur positiv zu sein. Aber die Depression hat einen fest im Griff. Manchmal zu fest, dann wird sie lebensbedrohlich.

Dann ist der einzige Moment, an dem ihr einen Depressiven erkennen könnt. Wenn er von „Nutzlosigkeit“ spricht, davon, es wäre besser, er wäre nicht da, er mache eh alles falsch. Dann ist der Moment, wo es wirklich gefährlich wird. Seid dann bei ihm, es könnte ihr oder sein Leben retten. Aber ansonsten: Unsere Masken sind unsere Tarnung. Und die funktioniert hervorragend. Leider.

P.S.: Wir würden gerne keine Masken tragen müssen. Aber nicht in dieser (Leistungs-)gesellschaft, die Ressource vor Mensch stellt. Da geht es nicht ohne.

 

P.P.S. Hier ein paar Nummern, falls ihr vermutet, jemand spiele mit dem finalen Gedanken:

You live, you learn

 

 

Einer meiner Lieblingssongs von Alanis Morissette ist „You live, you learn.“

Die Frage ist nur: Was habe ich aus diesem Katastrophenjahr 2015 gelernt.

Nachdem ich jetzt wieder auf freiem Fuß und im Angestelltenalltag angekommen bin, haben mich einige gefragt, wie es mir jetzt geht.

Das ist nicht leicht zu beantworten. Irgendwie fühle ich mich wieder ganz, aber immer noch von vielen unsichtbaren Verbänden und Pflastern zusammengehalten. Mein Kopf weiß, wann ich jetzt nein sagen soll, wann ich aufhören muss, alles negativ zu sehen. Aber mein Herz sitzt immer noch in einer Ecke und schmollt. „Nein, ich mach nicht mit, nein, das ist alles nicht war, nein, das hat fast dreißig Jahre funktioniert, das machen wir jetzt schön so weiter.“

Mein Verstand gewinnt zwar immer häufiger, aber es ist immer noch ein Kampf.

Ich könnte einen Maskenladen aufmachen, so viele Masken  habe ich in den vergangenen Jahrzehnten getragen um zu funktionieren, um gemocht zu werden. Es gab nur ganz, ganz wenige Menschen, die mich auch mal ohne Fassade, ohne Maske erleben durften. Und die Masken wurden von Jahr zu Jahr schwerer, belasteten, verletzten mich. Und schließlich bin ich unter der Last zusammengebrochen. Und den Anforderungen an mich, anders zu leben, als ich es möchte.

Unverständnis war ein Faktor, der mich in den Suizidversuch getrieben hat. Verzweiflung durch die Auswirkungen der Depression und der Angststörung ein anderer.

Aber es gab Verbündete, die zu mir standen, während meiner ganzen langen Zeit in verschiedenen Psychiatrien. Da war natürlich meine Familie, die ohne wenn und aber hinter mir stand. Aber ich habe auch gelernt, dass das Netz virtuelle Freundschaften schmieden kann, die weit über reine Spassgespräche hinausgehen. Auch meine Follower auf Twitter, meine „Freunde“ auf Facebook und die Leser meines Blogs haben mir unglaublich viel gegeben. Selbst gute, alte Postkarten, gar kleine Geschenke trudelten ein und haben mir Mut gemacht, dass ich auch so wie ich wirklich bin gemocht werde.

Ich möchte allen danken, die mich begleitet haben und noch begleiten. Für guten Rat, liebe Worte. Für unglaubliche Chancen und neue Gelegenheiten. Einfach dafür, dass ihr alle, die ihr mit mir den Weg des letzten Jahres virtuell oder real gegangen seid mir so viel gegeben habt, das mich gerettet hat, das mich gestützt hat.

Danke! Thank you !

Update: Ja, richtig, ich wurde gefragt, gab es keine Menschen, die dich eher über die Kante gestossen haben, als dir zu helfen. Doch, die gab es zur Genüge. Mein Suizidversuch entstand nicht aus dem luftleeren Raum und Ratschläge wie „Löschen Sie sich aus dem Internet“ waren nicht nur dumm, sondern auch verletzend weil ignorant meinem Lebensstil gegenüber. Aber auch das ist ein Teil des Lernprozesses. Verzeihen, ignorieren, hinter sich lassen, Sie können nichts dafür, dass sie mein Leben, das Leben vieler in der Gegenwart nicht verstehen. Aber sie haben keine Macht mehr über mich. Sonst wäre ich wieder in Lebensgefahr. Und ansonsten gilt für all jene, die mich immer noch nicht begreifen und verbiegen wollen:

Ich arbeite wieder

Back to normal. Zumindest fast. Noch bin ich in der Wiedereingliederung und damit pro Tag 4 Stunden im Büro. Vermutlich geht mein Umfeld schon wieder davon aus, ich sei ja gesund, ich könne ja wieder volle Leistung erbringen.

Aber ich spüre die Mühe, mich morgens aufzuraffen. Die unterschwellige, weil nicht Personen oder Situationen gebundene Angst. Die Stimmungsschwankungen, die meine Medikamente zwar abpuffern aber nicht ganz verschwinden lassen können.

Ich bin, ich bleibe krank. Zwar arbeitsfähig krank, aber die Krankheit Depression werde ich immer in mir tragen. Das ist der Unterschied zu einer Grippe oder einem gebrochenen Bein. Da ist man krankgeschrieben, bis man wieder vollständig genesen ist. Vielleicht ist es noch am ehesten vergleichbar Diabetes. Man kann arbeiten, auch in Gegenwart der Krankheit.

Immerhin das Schreiben konnte ich fast während meiner ganzen Therapie aufrechterhalten und sogar ausbauen. Die erste vollständige Fassung meines Romans, immerhin 355 Seiten ging heute an meinen Verlag und an meine Lektorin. Jetzt heißt es korrigieren, revidieren, ggf. neu schreiben.

Und es läuft ein Projekt an, das etwas mit Fernsehen und Dokumentationen zu tun hat. Noch ist es in einem sehr frühen Stadium, aber auch das ist etwas, das mir in meinem Kampf gegen meine Krankheit und für mehr Verständnis hilft.

Es ist seltsam, zu wissen, dass man depressiv ist und dass man das voraussichtlich auch für den Rest seines Lebens sein wird. Dass man immer auf sich Acht geben muss, Zeit für sich frei räumen, anderer Leute Meinung weniger wichtig nehmen. Und dass man sich mit seinen ebenso ins Hirn eingebrannten Ängsten arrangieren muss. Der Kampf hat letztes Jahr begonnen aber er wird nie aufhören. Einzig, ich kenne jetzt meinen Feind und habe Mittel zur Verfügung, ihn unter Kontrolle zu halten. Ob mir das immer gelingen wird? Ich hoffe es. Bislang gab es keine so dunkle Phase mehr, wie Anfang Februar 2015. Das darf es auch nicht mehr geben, denn diese Phase war lebensbedrohend. Dass der Suizidversuch scheiterte habe ich einer Reihe rückblickend glücklicher Umstände zu verdanken. Das will ich nicht noch mal erleben müssen.

Ich verheimliche nicht, dass ich eine Depression habe. Das habe ich viel zu lange sogar vor mir selbst getan. Ich will offensiv damit umgehen und wenn möglich auch noch Medien aufmerksam darauf machen, dass eine Depression eine gut behandelbare Krankheit ist, und psychische Krankheiten generell endlich aus entstigmatisiert werden müssen.

 

Ist es Angst, ist es Depression, egal, es ist scheisse

Diagnosen sind ja so ne Sache. Nachdem zunächst alle sich einig waren, ich hätte ein schwere und wiederkehrende Depression, war schon mein Psychotherapeut anderer Meinung. Er vermutete das eigentliche Problem in einer Angststörung, ausgelöst durch sehr negative Erlebnisse in meiner Kindheit (die ich sehr gut verdrängt habe). Die Reha schließlich hat mich aber mal so richtig kaputt diagnostiziert. Generelle Angststörung, schwere Depression, leichte Angstpsychose und leichte Soziophobie. Also kaputt, kaputter geht es nicht. Aber andererseits ist es auch gut, endlich mal die Dinge beim Namen nennen zu können, die einem das Leben schwer und manchmal zur Hölle machten.

Aber was ich rückblickend auch festgestellt habe. Ich habe die Krankheit(en) jahrzehntelang mit mir herumgetragen, konnte dennoch einiges aufbauen, erfolgreich ein Studium abschließen und einen Beruf ausüben. Ich bin nicht die Krankheit, sondern weit mehr. Nur in den letzten Jahren hat sie mich immer mehr überrollt. Auch unglückliche Gespräche, Unverständnis für meinen Lebensstil oder einfaches nicht wissen, was meine Krankheit bedeutet, haben mich an den Rand geführt und einmal auch drüber hinaus.

Ich kenne meinen Gegner jetzt und weiß, wie ich ihn im Zaum halten kann. Und ich werde offen darüber reden, weil wir noch viel zu sehr darüber schweigen. Auch ein Mann hat mal Angst, oder eine Angststörung. Das ist nichts peinliches, abwertendes oder negatives. Es ist eine Krankheit, die behandelbar ist, eine Krankheit, die man in den Griff bekommen kann, wenn man sich dazu durchringt, überhaupt darüber zu reden. Deshalb ist es dringendst notwendig, neben Depressionen auch über andere psychische Erkrankungen zu sprechen. Denn auch das hilft Menschen, den Mut zu finden, Hilfe zu suchen.

Und genau dieser Schritt kann ein Leben retten. So wie letztlich meines. Der Haken ist, dass unsere Gesellschaft weder Depressionen noch Angststörungen überhaupt wahrnimmt, geschweige denn akzeptiert. Und die Männerklischees greifen hier erst recht. Angstörung? Als Mann? Ich doch nicht. Von wegen. Ich stehe dazu. Und dabei hab ich nicht mal Angst.